Ist man selber nicht ganz dicht, wenn man die Gestörte in einer Geschichte sympathisch findet?

Diese Frage stelle ich mir nicht zum ersten Mal. Schon als ich vor vielen Jahren „Der siebte Tod“ von Paul Cleave gelesen und oder die Gretchen-Reihe von Chelsea Cain, habe ich mich gefragt, ob man mit den Psychopathen einer Geschichte sympathisieren darf und was das vielleicht über einen aussagt. Vielleicht, weil sie oftmals einfach die Impulse ausleben, die man selber manchmal hat, aber dank gesundem Menschenverstand nicht auslebt? Ich weiß es nicht. Aber auch in dem neuen Buch von Michael Robotham war die Durchgeknallte mir wieder durchaus sympathisch, vielleicht tat sie mir ein bisschen mehr Leid, als dass ich sie wirklich verstehen konnte, aber ich finde es eine Meisterleistung, die Böse in einem Buch so darzustellen, dass der Leser sie nicht vollkommen schrecklich findet.

In Michael Robothams neuem Buch „Die Rivalin“ lernt man zwei Frauen kennen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Man merkt von Anfang an, dass man mit einer von Ihnen etwas nicht so ganz stimmt und was am Anfang des Buches nur ein Bauchgefühl ist, wird im im Verlauf durch Fakten bestätigt. Dadurch, dass man von Anfang an die Einsicht in das Leben beider bekommt und man merkt, dass weder das eine noch das andere Leben perfekt ist, ist es mir sehr schwer gefallen mich für eine Seite zu entscheiden. Natürlich wusste ich, dass es richtig wäre mich auf die eine Seite zu stellen und zu hoffen, dass alles gut werden würde, aber etwas in mir hat ebenfalls gehofft, dass die Durchgeknallte es schaffen würde.

Das neue Buch von Michael Robotham ist anders als alle, die ich bisher von ihm gelesen habe und das nicht nur, weil Joe O‘Loughlin und Ruiz diesmal nicht dabei sind, sondern weil die Geschichte mitten aus dem Leben gegriffen wirkt, als könnte genau das auch vor der eigenen Haustür passieren, fast als könnte es einem selbst passieren. Es geht hierbei eher weniger um die Polizeiarbeit an sich, sondern das, was sich im Leben zweier Frauen ereignet, die zuvor ein mehr oder minder geordnetes Leben hatten. Nichts ist selbstverständlich. Alles was gut scheint, was man für gegeben annimmt, kann sich innerhalb von Minuten ändern und dein ganzes Leben auf den Kopf stellen. Der Autor fasziniert mit einer gut durchdachten Geschichte, die im Verlauf immer mehr Fährt aufnimmt und den Leser durch die Seiten fliegen lässt, ohne auf extreme Schockmomente oder blutige Szenen zu bauen.

Wer einen richtig guten Thriller sucht, der mit den Gefühlen des Lesers spielt, sollte sich „Die Rivalin“ unbedingt näher anschauen. Das Buch glänzt durch eine stetig zunehmende Spannung, bis zu dem Moment, an dem man einfach nicht mehr in der Lage ist das Buch aus der Hand zu legen. Es nimmt den Leser mit auf eine Achterbahnfahrt zwischen dem alltäglichen Leben, den Problemen eines Familien/Ehelebens und menschlichen Abgründen und lässt die Grenzen dazwischen einfach verschwimmen. Meiner Meinung nach eines der besten Bücher, die Michael Robotham bis jetzt geschrieben hat … aber ich glaube, das sage ich nach jedem neuen Buch von ihm.

Gibt es etwas, um dass ihr andere Menschen so sehr beneidet, dass ihr gerne ihr Leben hättet?


Bibliografie & Inhalt

Goldmann | 512 Seiten | erschienen: 12/2017 | 978-3-442-31409-6 | The Secrets She Keeps
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