Die Tage, die ich dir verspreche

„Sie würde mir ohnehin nur den Kopf tätscheln und mir ein Buch empfehlen. Weil das ja immer hilft.“

Über das Buch
Knaur | 368 Seiten | 09/2016  
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»Du hast Glück, Gwen, alles wird gut, Gwen.« Seit ihrer Herztransplantation hört Gwen nichts anderes mehr. Doch statt überschäumender Lebensfreude fühlt sie nur Schuld gegenüber dem Menschen, der für sie gestorben ist. Und so fasst sie in einer besonders verzweifelten Nacht einen ungeheuerlichen Plan: Sie will ihr neues Herz verschenken und sterben. Ihr entsprechendes Angebot in einem Internetforum liest dessen Moderator Noah, ein junger Student, der keinen großen Sinn in seinem Leben sieht. Er hält ihr Angebot für einen üblen Scherz, geht aber zum Schein darauf ein. Erst als Gwen am nächsten Tag vor ihm steht, um ihn beim Wort zu nehmen, erkennt er, wie schrecklich ernst es ihr ist. Nur mit einem gewagten Handel und einer furchtbaren Lüge kann er ihr das Versprechen abringen, ein paar weitere Tage durchzuhalten. Tage, in denen Noah alles daran setzen muss, Gwen von etwas zu überzeugen, woran er selbst kaum noch glaubt: Dass das Leben lebenswert ist.


 

Meine Meinung

Das passiert wahrscheinlich öfter als man denkt..

Man begegnet Gwen, der Protagostin der Geschichte, zu erst in der Reha. Sie ist dort, weil sie ein neues Herz bekommen hat. In der Reha wird genaustens überwacht, ob es Veränderungen gibt, die darauf hindeuten, dass der Körper das Herz abstoßen könnte. Es ist Gwens letzter Tag dort und kann sie es fassen. Sie soll nach Hause. Mit einem Herz, dass sie nach ihrem Empfinden nicht verdient hat und mit dem Wissen, dass ihre Familie bestimmte Erwartungen an sie haben wird. Ich habe das von Kopf her verstanden und glaube, dass es recht vielen Menschen so geht, die ein fremdes Organ bekommen haben, insbesondere, wenn es ein Herz ist. Leider konnte ihr Angst nicht bis zu mir durchdringen. Ich habe es eher als „Nörgelei“ empfunden.

Herz zu verschenken

Manchmal habe ich wirklich gedacht, dass sie verrückt ist. Gwen möchte dieses Herz nicht mehr. Sie kann damit nicht leben. Jemand anders ist gestorben und hat ihr das Herz gegeben. Sie erfüllt keine der Erwartungen, die man an sie hat. Sie will nicht zur Uni, sie traut sich nicht zu Sport zu machen und will es auch nicht. Alle sagen, dass sie das Herz sehr gut aufgenommen hat und dass alles bestens läuft, nur eben nicht für Gwens Gefühl. Sie sieht den einzigen Ausweg darin jemandem das Herz zu schenken, der es wirklich braucht und es verdient hat. Also meldet sie sich in einem Forum an und bietet ihr Herz als Geschenk an.

Ein Perspektivenwechsel tut gut

Zuerst habe ich es nicht sofort kapiert, dass es einen Perspektivenwechsel gab, aber als ich mich reingefunden habe, hat es mir gut gefallen. Die Wechsel sind fast regelmäßig nach jedem Kapitel. Diese beginnen immer mit einem Auszug aus einem Forum, durch die man einen anderen Einblick auf die Gefühlswelt von Gwen oder Noah bekommt. Außerdem deuten die Auszüge auf das Thema des Kapitels hin. Ich habe die Abschnitte von Noah lieber gelesen, aber ich muss sagen, dass auch seine Worte eher wie leere Hüllen auf mich gewirkt haben. Wahrscheinlich, weil er seine Sorge um Gwen, seine Ängst bezüglich ihres Vorhabens und seine Lügen so oft wiederholt hat, dass ich sie nicht mehr ernst nehmen konnte.

Da fährt sie einfach von Berlin nach München

Der Verlauf der Geschichte lässt mich ein bisschen ratlos zurück. Ich habe verstanden, dass Gwen genervt ist von ihrer Familie und von ihrem Freund, der eigentlich gar nichts von ihr will, außer bei ihr zu sein. Ich habe es verstanden, weil es schwer sein muss mit einem neuen Herz zu leben, praktisch ein neues Leben zu Leben. Trotzdem soll sie in ihr altes Leben zurück, in ihre alten Routinen. Aber, dass sie dann einfach, nur weil ein vollkommen Fremder ihr nicht mehr antwortet, von Berlin nach München fährt und bei ihm vor der Tür steht, das habe ich nicht verstanden. An sich gesehen ist es der Verlauf einer ganz normalen Liebesgeschichte unter dem Deckmantel einer Herztransplantation, was absolut nicht schlimm wäre, wenn eben die Verzweiflung und das Gefühl, die wegen eben dieser Transplantation entstanden sind authentisch wirken würden. Wenn ich nicht nur die Umstände verstanden, sondern auch ihre Gefühle hätte nachempfinden können, dann wäre es wohl ein sehr herzzerreißenste Buch gewesen.

Der allwissende Leser hat es nicht leicht

Durch den Perspektivenwechsel weiß der Leser von den Gefühlen der Beiden für einander und muss hilflos mit ansehen, wie sie immer wieder aneinander vorbei fühlen. Sie interpretieren die Worte und Gesten des Anderen falsch und verhaspeln sich somit in einer Endlosschleife von Anziehung und Abgrenzung. Das Augenmerk wurde auf die erotische Anziehung zwischen Gwen und Noah gelegt, was mir nicht mein Fall war, aber zumindest sehr authentisch beschrieben wurde. Ich war leicht genervt von ihren Missverständnissen und Hin und Hers, dass ich dann am Ende nur noch auf Erlösung gehofft habe. Aber ob ich erlöst wurde oder nicht, werde ich euch nicht verraten. 😉

 

Fazit

bedingte Leseempfehlung

Insgesamt konnte mich das Buch nicht so sehr mitreißen, wie ich gehofft hatte. Das größte Problem sehe ich darin, dass ich die Gefühle der Charaktere nicht nachempfinden konnte. Über das Hin und Her zwischen Gwen und Noah und auch über die Wiederholungen hätte ich hinwegsehen können, wenn ihre Worte für mich nicht nur leere Hüllen gewesen wären. Der Verlauf war sogar ziemlich süß. Schade, dass es so nur eine bedingte Leseempfehlung von mir gibt. Ich hoffe, dass es viele Leser gibt, zu denen die Emotionen besser durchdringen als es bei mir der Fall war.

Geht es euch auch so, dass ihr meist enttäuscht werdet, wenn ihr sehr hohe Erwartungen an ein bestimmtes Buch habt?