Hallöchen liebe Leser. Es ist soweit, endlich darf ich euch die zweite Autorin für meine Reihe „Autoren kommen zu Wort“ auf meinem Blog präsentieren. Ich bin sehr glücklich, dass Anne Freytag mir die Ehre erweist im März für mich zu schreiben, denn nur durch sie und ihr früheres YouTube Format „Das Wort zum Freytag“ entstand überhaupt diese Idee im Ursprung. Vor 2 Tagen erschien ihr neues Jugendbuch „Mein bester letzter Sommer„, das ich bereits im Dezember verschlingen durfte und daher dachten wir uns, wäre der März doch ein wunderbarer Monat für diesen Post. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen.

 


Anne Freytag kommt zu Wort
Was ich noch sagen wollte

Viele denken, schreiben ist einfach. Du denkst dir eine Geschichte aus, setzt dich an deinen Laptop, deine Schreibmaschine oder dein Notizbuch und fängst mal an. Und nach ein paar lustigen Wochen schreibst du dann selig lächelnd bei einem Glas Rotwein das Wörtchen „Ende“. Manchmal funktioniert das tatsächlich so. Aber meistens nicht. Ganz oft ist es wie durch Sirup zu schwimmen – mit einem Abendkleid.
 
Ich glaube, viele assoziieren den Begriff „Schriftsteller“ mit bebrillten, oft gebildeten, manchmal verschrobenen, aber vor allem schwerreichen Menschen, die sich auf einen ihrer vielen Landsitze zurückziehen, um dort mal eben ein Buch aus dem Ärmel zu schütteln. Den Rest des Jahres strecken sie dann alle Viere von sich und schauen den Einnahmen beim Fließen zu. Dazwischen besuchen sie eine der vielen Literaturveranstaltungen, zu denen sie eingeladen werden und sonnen sich dort in ihrem Ruhm. Einige sind sicher bebrillt, viele gebildet und manche auch schwerreich, aber das mit den Landsitzen und dem mal eben ein Buch aus dem Ärmel schütteln stimmt sicher nur für die wenigsten. Das gilt auch für den Rest.

Wenn man als Autor auf die Frage „Und? Was machst du beruflich?“ mit „Ich schreibe Romane“ antwortet, gibt es zwei Reaktionen. 1. Die Begeisterte: „Was? Echt? Das ist ja toll! So richtig echte Romane?“ – da würde ich immer am liebsten sagen: „Nein, ich bin besser in diesen falschen unechten“, aber das tue ich nicht. Wenn man dann nickt, kommt meistens: „Ist aber ganz schön hart, oder? Ich meine, was verdienst du denn da so?“ Ich dachte immer, es gehört sich nicht, über Geld zu reden, aber das gilt nur für alle anderen – Schriftsteller darf man das fragen. Die sind ja entweder total reich, oder bettelarm – und beides ist irgendwie spannend. „Kannst du davon denn überhaupt leben?“ und „Wie viel bekommst du da jetzt eigentlich so pro Buch?“ sind zwei der beliebtesten. Wenn man dann vage mit einem „ich kann nicht klagen“ antwortet, folgt Schritt zwei: Der „SO viel also“-Blick. Nach diesem Blick spürt man, wie viel Anstrengung es die Leute kostet, nicht weiter nachzuhaken. Die 2. Reaktion ist die gelangweilte. In die Richtung: „Bestimmt liegst du dem Staat mit deiner blöden Kunst auf der Tasche und ich muss dich und deine Schundromane mit meinem Steuergeld mitfinanzieren“ oder „Also, ich würde ja auch gern den ganzen Tag herumsitzen, Geschichten erfinden und dafür bezahlt werden.“
 
Ich will mich nicht beschweren – ich lebe schließlich meinen Traum und da hat man nicht zu meckern. Da freut man sich, dass man von seinem Schaffen leben kann. Ist ja nicht selbstverständlich in dem Beruf. Und es stimmt: Ich erzähle Geschichten und werde dafür bezahlt. Ich entscheide, wann ich aufstehe und ins Bett gehe, ich kann den Wecker siebzehn Mal umstellen, wenn ich will. Ich verfolge die Geschichten in meinem Kopf, fange sie ein und erzähle sie dann in meinen Worten. Wenn man es so sieht, lade ich Menschen in meine Gehirnwindungen ein und gebe ihnen eine kleine Führung. Manche fühlen sich wohl, andere nicht. Ich bekomme Nachrichten, E-Mails und sogar Briefe, in denen völlig Fremde mir schreiben, wie sehr mein Roman sie berührt hat und manchmal sogar, dass er zu den besten gehört, die sie je gelesen haben. Das ist die eine Seite. Die ist toll. Die macht einen einen glücklich. Aber genau wie ein Buch, hat auch das Leben eines Schriftstellers viele Seiten. Man ist oft allein und manchmal hat man das Gefühl, zu vereinsamen. Man grübelt und denkt und verheddert sich in seinen eigenen Gedanken. Manchmal gibt es kein Weiterkommen. Man steht nur da und versucht herauszufinden, ob man sich in einer Sackgasse befindet und umkehren muss, oder ob man lediglich eine kleine Verschnaufpause braucht. Feierabend und Urlaub sind sehr abstrakte Worte. Denn dein Gehirn und deine Charaktere entscheiden, wann Schichtende ist – nicht du.
 
Ich liebe die Abwechslung an diesem Beruf, aber ich hasse die Seite eins. Und ich hasse den blinkenden Curser. Ich verfluche ihn, weil ihn anzusehen, bedeutet, dass ich nicht weiterkomme. Manchmal gehe ich abends mit dem Gefühl ins Bett, etwas Tolles geschrieben zu haben, nur um dann am nächsten Morgen festzustellen, dass es doch Scheiße war. Ich hasse es, an meinen eigenen Ansprüchen zu scheitern, und oft habe ich Angst, die Geschichte nicht ins Ziel zu bringen, oder dass die Charaktere nicht gemocht werden – man liebt sie schließlich, auch die schwierigen. Sogar die, die sich einem anfangs verweigern und sich nicht öffnen wollen. Vielleicht sogar die besonders. Wenn man sich dann durchgeschlagen hat und die Geschichte endlich fertig ist (und du völlig am Ende), geht die Arbeit erst so richtig los. Dann heißt es überarbeiten, bis einem die Handlung zu den Ohren heraushängt. Man ändert etwas, nur um es dann drei Tage später wieder in die Ursprungsfassung zurück zu ändern.
 
Wenn das Buch dann fertig ist, darf man aber nichts davon merken. Nichts von den Zweifeln, oder der Anstrengung. Es ist ein bisschen wie beim Ballett. Wenn ich mir eine Karte für Schwanensee kaufe, will ich die fließenden, weichen und scheinbar mühelosen Bewegungen sehen, nicht die schweißtreibende Arbeit und auch nicht die eintausend Stunden, die geprobt wurden. Die Tänzer müssen so gut sein, dass ich mich voll und ganz der Illusion hingeben kann, dass es genauso federleicht ist, wie es aussieht. Dieselben Erwartungen haben Leser auch an Romane. Und genau deswegen denkt auch jeder, dass es so einfach ist, sie zu schreiben. Nach einer großartigen Ballett-Aufführung denke ich auch immer, ich könnte eine Pirouette drehen – sah bei der Tänzerin schließlich so leicht aus. Ja, weil sie schon dreißigtausend Pirouetten gemacht hat. Die Verletzungen und das Ächzen und die Ängste haben wir nicht mitbekommen. Wir sehen das Ergebnis und denken dann wir wissen Bescheid – aber wir haben nur durchs Schlüsselloch geschaut.
 
Wenn du schreibst, nimmst du all deine Emotionen und lässt sie in deine Geschichte fließen. Und während du das tust, weißt du, dass es Menschen geben wird, die sie hassen werden. Du weißt, wenn du deine Charaktere, in den Ring schickst, dass sie dort garantiert auch was einstecken müssen. Und du weißt, dass diese Schläge dir mehr wehtun werden als ihnen. Doch du schreibst deine Geschichte trotzdem. Obwohl du das alles weißt. Obwohl dir klar ist, dass du sie nicht verteidigen kannst, weil du sie schließlich da raus geschickt hast. Tust du es doch, wird man dir vorwerfen, dass du eine Autorin bist, die nicht mit Kritik umgehen kann. Sie werden sagen, dass du zu empfindlich bist, zu zart besaitet. Natürlich sind sie zart besaitet – wie könnten Autoren sonst durch nichts als ihre Worte etwas erschaffen, das andere fühlen, als würden sie es gerade selbst erleben?
 
Schreiben ist harte Arbeit. Und es ist der wunderbarste Beruf der Welt. Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen. Trotz der Schläge, die ab und an kommen – die immer kommen, weil Menschen verschiedene Geschmäcker haben. Jeder hat eine Meinung und die meisten sagen sie dir auch – egal, ob du nun danach gefragt hast oder nicht. Es ist fast wie ein Niesen, das manche Menschen nicht unterdrücken können. Und das ist völlig okay. Für die Person im Spucknebel, ist es aber nicht unbedingt angenehm.
 
Manchmal frage ich mich, was wohl los wäre, wenn jeder auf diese Art durchs Leben ginge und alles bewerten und kommentieren würde. Wenn man zum Beispiel zu Müttern gehen und ihnen erzählen würde, wie hässlich man ihr Kind findet. Oder wenn man jemandem sagen würde, dass sein brandneues Auto absolut scheußlich ist. Oder wenn man Rezensionen und Blogs bewerten würde – nach Kriterien wie Formulierungen, Stil, Schlüssigkeit und Menge der Rechtschreibfehler. In der ganzen Anonymität vergisst man nämlich leicht, dass hinter jedem Roman jemand steht, der gearbeitet, gelitten und sein Bestes gegeben hat, auch, wenn das manchen vielleicht nicht gut genug ist. Er hat jeden einzelnen Buchstaben getippt, Sätze geschrieben und wieder gestrichen, hat an sich gezweifelt und war stolz auf sich. Kritik ist völlig in Ordnung, sie zeigt Dinge auf, lässt einen manchmal auch etwas lernen. Kritik kann einen besser machen – wenn sie so geäußert wird, wie man sie jemandem auch ins Gesicht sagen würde. Oder zumindest unter seinem echten Namen veröffentlichen.
 
Ich habe aufgehört zu versuchen, allen zu gefallen, weil man daran unweigerlich scheitert. Für den einen ist das Buch zu kurz, für den anderen zu lang, einer mag die Hauptfiguren, ein anderer findet sie flach und blöd, manche sagen der Plot ist „mal was Neues“, für die anderen ist es „wieder mal derselbe Scheiß.“ Egal was man tut, es wird jemandem nicht gefallen. Das ist so und das wird immer so sein. Ich habe mich für die Reise entschieden. Wenn ich es mir aussuchen kann, möchte ich mir für den Rest meines Lebens Geschichten ausdenken. Ich möchte mit meinen imaginären Freunden Dinge erleben und sie begleiten, wohin sie mich auch führen. Für sie bin ich bereit jeden Schlag einzustecken – weil ich sie toll finde und weil jeder einzelne von ihnen mich mitgerissen hat – entführt in ein anderes Leben. Ich freue mich über jeden Leser, der mit mir auf eine dieser Reisen geht, über jeden, der das spürt, was ich gespürt habe, als es entstanden ist, weil es dann irgendwie so ist, als würden wir ein Geheimnis teilen. Als würden wir uns zusammen verlieben und zusammen leiden. Und das, ohne uns je kennengelernt zu haben.
 
Man kann nicht beeinflussen, was einem gefällt. Es gibt Bücher, die hauen einen um, andere lassen einen völlig kalt. Das ist okay. Man muss nicht alles mögen. Man kann gar nicht alles mögen. Aber man kann schonungsvoll ehrlich sein. Man kann höflich bleiben. Und respektvoll. Man kann sagen, dass man etwas nicht mochte, ohne es zu zerreißen und durch den Dreck zu ziehen. Man muss nicht jeden Charakter mögen. In manche verliebt man sich, in andere eben nicht – genau wie im echten Leben auch. (Immerhin hat es der Autor dann geschafft, seinen Figuren ein Wesen zu geben, das man nicht als konstruiert empfindet.) Ich selbst habe schon oft Bücher abgebrochen. Und es gibt genug Filme und Serien, die ich total blöd finde. Würde ich die empfehlen? Wohl eher nicht. Würde ich sie als totalen Dreck bezeichnen und mich irgendwo darüber auskotzen, wie unglaublich scheiße sie waren? Wohl auch nicht. Weil es immer ein Gegenüber gibt, auch, wenn man es oft nicht sehen kann.
 
Ja, ich lebe meinen Traum. Und träumen ist einfach – zumindest für die, die es vor lauter Realität nicht verlernt haben. Vielleicht ist es aber auch nur scheinbar einfach, denn die Umsetzung ist zum Teil ein echter Kraftakt. Ich glaube, viele unterschätzen das. Warum wohl hört man sonst so oft: „Ich wollte ja auch schon immer mal ein Buch schreiben“, oder „Wenn ich die Zeit hätte, würde ich das auch machen, aber mit der ganzen“ (echten) „Arbeit und den Kindern“ – also den wirklichen Verpflichtungen, die man so hat, geht das eben nicht. Das Leben ist nun mal kein Wunschkonzert. Ich weiß nicht, wie oft ich solche Sprüche schon gehört habe, aber mit der Zeit lernt man einfach zu lächeln und sich an seinen Happy Place zu denken. Vor einigen Monaten habe ich einen schönen Satz gelesen. Ich erinnere mich leider nicht an den genauen Wortlaut, aber es war etwas wie: „Wenn jemand über Nacht berühmt wird, hat er am Tag zuvor hart gearbeitet.“ Ich finde ja, das bringt es ziemlich auf den Punkt.
 
Vermutlich werden mich böse Worte niemals kalt lassen, aber sie sind nicht mehr so schmerzhaft, wie sie es am Anfang waren. Ich schreibe eine Geschichte. Eine Geschichte auf der letztlich mein Name steht. Ich stehe darauf und muss auch dahinter stehen. Ein und derselbe Roman wird bei verschiedenen Menschen die unterschiedlichsten Dinge auslösen. Abhängig von ihrer eigenen Geschichte und davon, wer sie sind. Ich kann das nicht beeinflussen. Alles, was ich tun kann, ist Romane zu schreiben, die ich liebe, über Figuren, die mir am Herzen liegen und bei denen ich am Ende stolz bin, dass mein Name darauf steht – egal ob nun Freytag oder Taylor. Ich habe eine Weile gebraucht um zu verstehen, dass es nicht darum geht, die Erwartungen von anderen zu erfüllen – es geht nur darum, seine eigenen zu erfüllen. Man muss seiner Stimme trauen, wenn man gehört werden will.
 
Liebe ich, was ich tue? Oh, ja, das tue ich. Aber wenn Träume wahr werden, werden sie leider auch anstrengend. In deinen Träumen bewertet dich niemand, alle lieben, was du tust und es geht dir leicht von der Hand. Du surfst auf der perfekten Welle. Ich glaube an perfekte Wellen. Aber ich glaube auch, dass man verdammt oft vom Brett gefallen sein muss, bevor man so eine Welle wirklich reiten kann.

 

Autoren kommen zu Wort mit Anne Freytag

Copyright by Michael Tasca

Anne Freytag studierte International Management und arbeitete in verschiedenen Werbeagenturen, bevor sie den Sprung ins eiskalte Wasser wagte und Autorin wurde. Neben der Erwachsenen- und Jugendliteratur schreibt Freytag auch Liebesromane und Liebeskomödien, die sie unter ihrem Pseudonym Ally Taylor veröffentlicht und die in den USA spielen. Freytags Romane erscheinen unter anderem bei Random House im Heyne fliegt Verlag, die von Ally Taylor bei der Verlagsgruppe Droemer Knaur.

 

Renate Hoffmann 434 Tage Irgendwo dazwischen Mein bester letzter Sommer

 


Herzlichen Dank an Anne Freytag für diese ehrlichen Worte.

 

Ich weiß durchaus, dass wir bloggen und schreiben nicht direkt miteinander vergleichen können, aber Anne Freytag spricht mir einfach aus der Seele. Ich verstehe sehr gut was sie meint, auch wenn ich es teilweise auf andere Bereiche meines Lebens beziehe. Für mich ist dieser Text ein absoluter Herzenstext. Danke Anne, dass ich ihn hier veröffentlichen durfte.

Schreibt mir eure Meinung zu Anne Freytags Post!
Und wie ist das bei euch? Gibt es etwas, dass ihr auch schon immer mal sagen wolltet?