George

»Was ich damit sagen will, ist, dass es etwas ganz Besonderes ist, wenn man bei einem Buch weinen muss. Es zeigt, dass man sowohl Mitgefühl wie auch Phantasie hat.«

Über das Buch
Fischer | 208 Seiten | 08/2016 | Originaltitel: George  
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George ist 10 Jahre und geht in die vierte Klasse. George mag die Farbe Rosa, Mädchenzeitschriften und fühlt sich komplett unverstanden. Denn sie muss die Zeitschriften verstecken. Sie kann niemandem zeigen, dass sie eigentlich ein Mädchen ist. Dabei will sie nichts lieber als das: einfach nur ein Mädchen sein. Aber wem soll sie sich anvertrauen? Und wie?


 

Meine Meinung

Ich bin zu festgefahren in meinem Denken

Als ich angefangen habe „George“ zu lesen, ist es mir schwer gefallen, den Namen George mit „sie“ zu verbinden. Es hat ein merkwürdiges Gefühl in mir ausgelöst und ich weiß nicht wo es herkam. Ich halte mich für einen sehr aufgeschlossen Menschen, der absolut nichts gegen Homosexualität oder Transgender hat. Nur der Name George ist in meinem Hirn anscheinend eindeutig als „männlich“ verbucht. Es war eine Erfahrung, die ich beim Lesen gemacht habe, die mir vor Augen geführt hat, wie festgefahren ich anscheinend in meinem Denken oftmals bin.

Sehr gut gewählter Erzählstil

Die Geschichte ist im auktorialen Erzählstil geschrieben, den ich prinzipiell eher weniger bevorzuge, hier jedoch hat es sehr gut gepasst. Durch den auktorialen Erzähler bekommt der Leser es immer wieder mit den Personalpronomen zu tun. Wodurch ich wiederholt daran erinnert wurde, dass George laut ihres Genotyps ein Junge ist, sich jedoch selbst nicht als solcher betrachtet. Wenn George ein Ich-Erzähler gewesen wäre, hätte man leicht aus den Augen verlieren können, dass sie in einem männlichen Körper steckt. Meiner Meinung nach sehr geschickt gemacht.

Die Verzweiflung eines 10 jährigen Menschen

Die ganze Zeit habe ich beim Lesen gedacht, dass George gerade einmal zehn Jahre alt ist. Zehn Jahre. Und ich habe mich gefragt, wie ich wohl reagieren würde, wenn mein hypothetisches Kind mir sagen würde, dass es sich nicht als das Geschlecht fühlt in das es hineingeboren wurde. Oder was meine Eltern wohl gesagt hätten, wenn ich ihnen als Zehnjährige erklärt hätte, dass ich das Gefühl habe, ich bin eigentlich ein Junge. Hätten sie mich überhaupt ernst genommen? Ich denke dabei an erste Verliebtheiten, die durchaus in der vierten Klasse schon beginnen. Ich habe bei mir und auch bei meinen Freunden wahrgenommen, dass man absolut nicht ernst genommen wurde. Georges Gedanken und ihre Verzweiflung sind im Buch sehr eindrucksvoll beschrieben. Einerseits will sie es aller Welt sagen und will endlich zeigen, dass sie ein Mädchen ist und andererseits weiß sie nicht wie und ich habe dabei das Gefühl gehabt, dass eben dieses nicht ernst genommen werden eine Rolle spielt.

Sei wer du bist und steh dazu!

Dieser Satz gehört definitiv in die Kategorie „Leichter gesagt als getan“, denn wie soll man das anstellen? Wie soll man die Leute davon überzeugen, dass man nicht das ist, was sie äußerlich sehen? George hat eine beste Freundin und sie vertraut sich ihr an. Sie reagiert, finde ich, wie nur Kinder reagieren können. Sie unterstützt und versteht Geroge und findet daran überhaupt nichts Lächerliches. Es war richtig herzerwärmend zu lesen, wie viel Kraft Kelly George gibt und wie sehr sie sie in ihrem Vorhaben unterstützt der Welt zu offenbaren, dass sie ein Mädchen ist. George hat großes Glück, dass es an ihrer Schule anscheinend auch Menschen gibt, die sich für Transgender und Homosexualität einsetzen, wodurch sie dort zusätzliche Unterstützung findet.

Sehr authentisch geschrieben

Desöfteren habe ich gedacht, wie ehrlich das Geschriebene bei mir ankommt und wie gut ich nachvollziehen kann wie George sich gerade fühlt. Alex Gino schreibt mit leichten Worten, aber trotzdem so, dass ich das Gefühl hatte, direkt betroffen zu sein. Noch beim Lesen habe ich mir gedacht, dass Alex Gino diese Erfahrungen wahrscheinlich selbst gemacht haben muss. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie jemand, der nicht selbst in dieser Lage war, es hätte so eindrücklich beschreiben können. Mit der Autorenvita wurde meine Vermutung bestätigt und ich finde wirklich schön, dass dieses Buch entstanden ist.

 

Fazit

Leseempfehlung

Dieses recht dünne Buch hat bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Obwohl ich erst dachte, dass ich nicht viel zu diesem Buch zu sagen habe, habe ich beim Schreiben und darüber Nachdenken erst mitbekommen wie bemerkenswert und wichtig dieses Buch ist. Ich bin mir sicher, dass es keine Geschichte für jedermann ist und ich frage mich auch, ob die Altersangabe von 10-12 Jahre passend ist, aber vielleicht rutsche ich da wieder in das Thema rein, das ich schon in der Rezension angesprochen habe. Vielleicht wird man in dem Alter viel zu oft unterschätzt. Ich möchte die Alterspanne ein wenig erweitern und sagen ab 10 Jahren, denn ich denke, dass dieses Buch jedem von uns einen neuen Blickwinkel und ein bisschen Material zum Nachdenken liefern kann.

Für welches Alter würdet ihr ein solches Buch empfehlen?
Unterschätzt man Kinder zu oft oder überfordert man sie vielleicht?

Transgender ist ein Begriff für Abweichungen von der sozialen Geschlechterrolle beziehungsweise den sozialen Geschlechtsmerkmalen (Gender).
(Wikipedia – Transgender)